Heidelberg, 5./6. März 2026
Mehrsprachigkeit und Übersetzung in der Geschichte der deutschen Wissenschafts- und Gelehrtensprachen
Am 5. und 6. März 2026 fand in den Räumen des Universitätsarchivs Heidelberg die 6. Tagung des Arbeitskreises „Historische Gelehrten- und Wissenschaftssprachen” statt. Aus dem Tagungsbericht von Sabina Tsapaeva:
Die Tagung verdeutlichte in ihrer Gesamtheit eindrücklich, dass Übersetzungen in historischer Perspektive weit über die bloße Übertragung von Texten zwischen Sprachen hinausgehen und als zentrale Aushandlungsprozesse zwischen unterschiedlichen Wissensordnungen, Sprachsystemen und kulturellen Kontexten zu verstehen sind. Die Beiträge zeigten dabei über verschiedene Epochen und Fachkulturen hinweg – von der althochdeutschen Psalmenexegese Notkers über frühneuzeitliche Kosmographien, naturwissenschaftliche und juristische Texte bis hin zu psychiatrischen, psychoanalytischen und modernen Fachsprachen – wie eng Übersetzung mit der Herausbildung und Transformation von Wissenschafts- und Fachsprachen verknüpft ist. Immer wieder wurde deutlich, dass Übersetzungsprozesse nicht nur neue terminologische Lösungen hervorbringen, sondern zugleich Denkstile prägen, Wissensbestände strukturieren und institutionelle wie soziale Ordnungen mitgestalten. Dabei zeigte sich auch die zentrale Rolle von Mehrsprachigkeit, sei es im mittelalterlichen klösterlichen Kontext, in der Frühen Neuzeit als Motor sprachlicher Innovation oder in der Moderne als Teil internationaler Fachkommunikation. Ebenso wurden Übersetzungen als Orte sichtbar, an denen sich epistemologische Fragen nach der Übertragbarkeit von Wissen, nach Metaphorik, Argumentationsstrukturen oder kultureller Kontextgebundenheit konkretisieren. Insgesamt bestätigte die Tagung damit die im CfP formulierte Leitperspektive, Übersetzungen als interkulturelle und interdisziplinäre Prozesse zu begreifen, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern aktiv an seiner Produktion, Transformation und historischen Dynamisierung beteiligt sind.
Michael Prinz TAGUNG